Weltweit fallen jedes Jahr zig Millionen Tonnen Tomatenabfälle an – darunter Schalen, Kerne, Stängel und unverkäufliche Früchte – was eine doppelte Herausforderung darstellt: Die Entsorgung von Ressourcen verursacht wirtschaftliche Verluste und die Umweltbelastung durch Treibhausgase, die bei der Deponierung von Abfällen freigesetzt werden. Dabei ist dieses oft übersehene Nebenprodukt eine wahre Fundgrube wertvoller Verbindungen, darunter Lycopin, ungesättigte Fettsäuren und Antioxidantien mit erheblichem kommerziellem und ernährungsphysiologischem Potenzial.
Fortschritte bei umweltfreundlichen Extraktionstechnologien erschließen dieses Potenzial und schonen gleichzeitig die Umwelt. Ultraschallgestützte Extraktion und die Pulsed Electric Field (PEF)-Technologie ermöglichen die präzise und effiziente Trennung bioaktiver Inhaltsstoffe und erhalten deren Nährstoffgehalt ohne den Einsatz schädlicher Chemikalien. Dieser technologische Durchbruch hat eine Wertschöpfungswende angestoßen: Tomatenreste werden nun zu hochwertigen Gesundheitsprodukten wie Lycopinpräparaten, kaltgepresstem Tomatensamenöl und natürlichen Lebensmittelfarbstoffen verarbeitet und decken so die weltweit steigende Nachfrage nach pflanzlichen Alternativen mit natürlichen Inhaltsstoffen.
Über den Gesundheitssektor hinaus erweitern ambitionierte Projekte die Möglichkeiten der Tomatenabfallverwertung. Die innovative EU-Initiative „ToFuel“ leistet Pionierarbeit bei der Umwandlung von Tomatennebenprodukten in nachhaltigen Flugkraftstoff (SAF). Ziel ist es, den CO₂-Fußabdruck der Luftfahrtindustrie zu reduzieren, indem fossile Brennstoffe durch erneuerbare, aus Biomasse gewonnene Energiequellen ersetzt werden. Erste Versuche haben eine vielversprechende Umwandlungseffizienz gezeigt und bieten eine skalierbare Lösung für schwer zu dekarbonisierende Sektoren.
Die globalen Ansätze zur Ausweitung dieses Kreislaufmodells variieren und spiegeln regionale Stärken und Prioritäten wider. In China hat eine Strategie der „industriellen Modernisierung“ die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen gefördert und so den Bau großflächiger Recyclinganlagen vorangetrieben, die Abfallsammlung, -verarbeitung und Produktherstellung integrieren. Dieses industrialisierte Modell gewährleistet stabile Lieferketten und eine kosteneffiziente Produktion. In Mexiko hingegen stärkt ein gemeinschaftsorientierter Ansatz Kleinbauern durch Schulungsprogramme, in denen sie lernen, unverkaufte Tomaten zu handwerklich hergestellten Saucen, Salsas und Trockensnacks zu verarbeiten – so wird Ernteabfall zu einer verlässlichen Einkommensquelle und die lokalen Ernährungssysteme werden gestärkt.
Branchenführer und politische Entscheidungsträger träumen von einer Zukunft, die auf einem Kreislaufwirtschaftssystem für Tomaten basiert, in dem jeder Teil der Tomate verwertet wird und Abfallvermeidung Realität wird. „Tomatenabfälle sind nicht nur ein Problem, das gelöst werden muss – sie sind eine Ressource, die es zu nutzen gilt“, so Dr. Elena Marquez, Expertin für nachhaltige Landwirtschaft bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). „Indem wir technologische Innovationen mit inklusiven Geschäftsmodellen verbinden, können wir landwirtschaftliche Nebenprodukte zu einem Katalysator für ökologische Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Stabilität machen.“
Angesichts der weltweit zunehmenden Bemühungen um Kreislaufwirtschaften ist das Recycling von Tomatenabfällen ein überzeugendes Beispiel dafür, wie Kreislaufwirtschaft Lebensmittelsysteme transformieren kann. Dank kontinuierlicher Investitionen in Forschung, Infrastruktur und grenzüberschreitende Zusammenarbeit wird dieses scheinbar unscheinbare Nebenprodukt eine zentrale Rolle bei der Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele spielen – und damit beweisen, dass Abfall, wenn er neu gedacht wird, ein starker Motor für Innovation und Fortschritt sein kann.
Veröffentlichungsdatum: 06.02.2026




